Die gesammtelten Werke der „Lyrik des Tages”

Gesammelte Lyrik

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Lyrik des Tages

Flüchtling

Schüsse und Schreie – ganz in der Näh',
und im Westen leuchtet ein Fenster;
vor dir schreckt was auf: der Feind? Ein Reh?
und manchmal siehst du schon Gespenster.

Stimmen – du verstehst kein einziges Wort,
durch deine Träume marschieren Armeen.
Krieg trieb dich aus deiner Heimat fort -
Krieg – darüber Jahre vergehn.

Ein Dach übern Kopf, für die Kinder Brot,
ist alles, was du noch verlangst;
innerlich bist du gestorben, längst tot,
und trotzdem packt dich die Angst

vor denen, die dir missgönnen,
was dich noch am Leben erhält:
Hoffnung - in Frieden leben zu können
und frei zu sein auf dieser Welt!
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 21. Juli 2017
8
Lyrik des Tages

Ziehende Wolken - Solo-Rengay

Ziehende Wolken -
Gottes Lamm
und seine Jünger

Unter meinem Himmel: Meer und Marsch

Veränderungen -
Du gabst mir den Schlüssel
zu deinem Herzen

Deine Augen bezwingen
die innere Wüste meiner Seele

Gerippe und Knochen
auf Jevershallig¹ ...
kein Ort für Schafe

Woher, Hauke Haien,
nimmst du die Erde
für einen neuen Deich ...
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 24. Juli 2017
1
Lyrik des Tages

Maschas Traum

Unterm Dache, warm bei Wind und Wetter,
träumend: Mascha. Ein Kastanienbaum,
vom Sturm gebeugter Vetter,
blickt durchs Fenster und in ihren Traum.

Weiß den Namen ihres Traumgestalters,
Mascha kennt nur sein Gesicht.
In Gestalt eines Zitronenfalters
folgt sie ihm ins Dunkel und ins Licht.

Seine Faust erblüht, die Bestie Tod.
Rosskastanie an das Fenster schlug der Wind.
Schaudernd Flügelkleid entkam mit knapper Not.
Vetters Blätterarm wiegt sanft das Kind.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 27. September 2016
7
Lyrik des Tages

Apfelblüte - Solo-RENGAY

Apfelblüte …?
Der Kassier schnuppert
am unechten Schein

Eine Taube pickt Tropfen
vom Rost der Weinpresse
im Hinterhof

Seit Tagen spüre ich einen Engel
in meiner Näh' ...

Ich sprach einen Wunsch aus
Gott hat Ohren -
ein Götzenbild nicht

An der bronzenen Fünte¹
schreit der Säugling
Die Taufkerze flackert

Selig, wer sich vor der Welt ohne Hass verschließt²


(¹von lat. fons „Quelle, Brunnen, Taufbecken“)
(²Zeile aus einem Gedicht von Goethe ...)
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 30. Juli 2017
2
Lyrik des Tages

Variationen des Windes

Trostlose Einsamkeit der Nacht …
Der Atem des Windes
streicht über Gräber.

O rabenschwarzer, nächtlicher Wind.

Trostlose Einsamkeit der Meere …
Der Atem des Windes
treibt die Wellen ans Ufer.

O kühler, erfrischender Wind.

Trostlose Einsamkeit der Steppe …
Der Atem des Windes
spielt mit den Gräsern.

O träumerischer, gedankenverlorener Wind.

Trostlose Einsamkeit der Wüste …
Der Atem des Windes
treibt Dünen vor sich her.

O trockener, heißer Wind.

Trostlose Einsamkeit unserer Seelen …
Der Atem des Windes
will ihr Bruder sein.

O armer, einsamer Wind.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 3. August 2017
3
Lyrik des Tages

Harlekin

Ein eisig kalter Morgen zog herauf,
vom wilden Sturm, der früh
die Straßen fegte, ganz zerfleddert.
Die halbe Nacht hab' ich
in meinem Tagebuch geblättert,
fand deinen Namen nicht darin
und doch warst du
ein Teil von meinem Leben
und manche Leute meinten gar
du warst mein Hauptgewinn.

Ich wusste oft nicht ein noch aus
und niemand gab mir einen guten Rat.
Ich zog mich selber an den Haaren
aus so mancher Seelenpleite
mehr schlecht als recht,
das geb' ich – ungern – zu,
doch längst nicht mehr an deiner Seite
trag ich das Harlekinkostüm noch immer
und fänd', wenn ich es endlich abstreifte,
günstigstenfalls die wahre Ruh'.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 10. August 2017
11
Lyrik des Tages

Totgeträumt

Die Wellen schlagen oft ans Ufer der Vergessenheit.
Ich sitz' in einem Kahn und treibe orientierungslos dahin.
Wünsch mir ein unentdecktes Land, darüber still die Wolken ziehn.
Der Tod steigt ein und sagt mir leis: Es ist soweit.

Er nimmt das Ruder in die wache Hand und steuert jene Insel an,
darauf die Seelen in den grünen Bäumen ausruhn für ein neues Leben.
Dort soll ich dich, mein Lieb', erwarten, ohne Herzensbeben.
Vertrau' dem Liebsten, flüstert mir ins Ohr der Schwarze Mann.

Nun geh' ich, Pilgerin, ganz still die hellen Straßen weiter.
Mir wird zumut', als liefe ich den langen Lebenspfad zurück.
Am Wegrand: Bäume wispern, Menschen, die ich kannte, heiter
tritt einer nach dem andern aus der Menge und geht mit ein Stück.

Ich will zu dir und muss noch weiter wandern …
Ein Sternlein fällt herab und singt: Du kennst IHN nicht!
Der dich sehr liebt, ist längst schon bei den andern,
wohin der Tod dich auf den rechten Weg gebracht.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 20. August 2017
4
Lyrik des Tages

Es war einmal ...

Für ein paar Stunden nur
sobald die Tage
kürzer werden
will ich untertauchen
im Nebel des Vergessens.

Du fehlst mir in meiner Traumwelt,
darin des Nachts das Sternensilber
in letzte Rosen und Gedanken fällt.

So fing alles an:

Ich fand mich in einem fremden Gesicht
und lächelte ihm zu.

Mein „Ich“ zog sich in weite Fernen zurück.
Ich vermisse es nicht.
Sobald du in meiner Nähe bist,
wird meine Stimme leiser noch;
aber du verstehst mich,
jedes Wort.

Seit wir uns kennen, blicke ich
zärtlicher in die Welt.
Du hast mir deine Augen geliehen,
ich überließ dir meine Hände.
Eines Tages wirst du sie mir zurückgeben,
eines Tages –

… spätestens dann, wenn wir
in die Winterkälte gefallen sind –
aus dem Paradies unserer Liebe.

Dein Blut rauscht noch
in meinen Ohren,
aber wir sind längst Gewesene.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 1. September 2017
1
Lyrik des Tages

Abschiedsserenade

Morgens liegt schon das Blut
des Herbstes in der Luft des Sommers

Die Rosen zittern,
nun fallen die letzten Blätter

Die Nächte sind kühl und in den Zisternen
rauscht die Kargheit des Winters

Allerleirauh schürt das Feuer der Vernunft
und mir sinken die Lider

Der Wald hüllt sich in Schweigen,
der große Abschied ist da ...

Ich möchte fallen mit den Blättern
zur Erde und weinen wie ein Kind

Am Wegrand welkt die Blume
im letzten Staub des Sommers

Bald sind die Felder vernarbt
und Krähen fallen ins Land

In der Sonne liegt schon der Mond
und ich lasse zu, dass an mir der Kummer nagt

Jene Stunde, die allein uns gehören soll,
wird verstreichen wie dieser Sommer
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 10. September 2017
6
Lyrik des Tages

September

Grünes Gras,
darüber gelber Septemberwind streicht

Sonne,
die neben mir in See sticht,
ihre goldenen Segel setzt

Meine Seele –
stumm wie ein Fisch
Mit jedem Atemzug werde ich müder

Ich schlafe ein – im Gras, dort am Ufer,
mitten im Froschkonzert

Sobald ich die Augen schließe,
sehe ich dich – umso deutlicher,
je weiter du von mir entfernt bist

Stündest du neben mir und schautest
auf mich hinab: Meine Sicht auf dich
wäre versperrt ...

Manchmal überkommt mich der Schlaf –
so schnell, dass ich die ganze Welt
aus den Augen verliere.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 13. September 2017
5
Lyrik des Tages

Es war einmal ...

Ein paar Stunden nur
sobald die Tage
kürzer werden
will ich untertauchen
im Nebel des Vergessens.

Du fehlst mir in meiner Traumwelt,
darin des Nachts das Sternensilber
in letzte Rosen und Gedanken fällt.

So fing alles an:

Ich fand mich in einem fremden Gesicht
und lächelte ihm zu.

Mein „Ich“ zog sich in weite Fernen zurück.
Ich vermisse es nicht.
Sobald du in meiner Nähe bist,
wird meine Stimme leiser noch;
aber du verstehst mich,
jedes Wort.

Seit wir uns kennen, blicke ich
zärtlicher in die Welt.
Du hast mir deine Augen geliehen,
ich überließ dir meine Hände.
Eines Tages wirst du sie mir zurückgeben,
eines Tages –

… spätestens dann, wenn wir
in die Winterkälte gefallen sind –
aus dem Paradies unserer Liebe.

Dein Blut rauscht noch
in meinen Ohren,
aber wir sind längst Gewesene.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 23. September 2017
10
Lyrik des Tages

Aufgewärmt

Immer trägt mich der Strom von dir fort …
Auf Dampfern und Fähren bin ich längst zuhaus.
Jede Reling appelliert an mein Anlehnungsbedürfnis,
doch nie habe ich ins Wasser gespuckt.

Der Menschenstrom auf der Rolltreppe: Auch er - trägt mich von dir fort.
Ein Stromschlag, vom Zaun gezwitschert,
erfindet mich neu,
überall mangelt es an Liebe …

Das Selbstbewusstsein nimmt überhand
und schwingt sich in ungeahnte Höhen empor;
Zweifel jedweder Couleur werden unter Strafe gestellt, die Dummheit hofiert Banknoten …

Ich flüchte vor deinem Ehrgeiz in die Arme
eines armen Poeten; wir besitzen acht Regenschirme und sind gegen jede Art von aufgesetzter Romantik, wir fechten es aus …

Kerzen bringen keine Gefühle zurück,
Aufgewärmtes schmeckt selten besser als am Vortag. Mir genügt zu wissen, wen ich liebe.

In Gedanken will ich immer nur zu dir;
aber ich komme nie wirklich dort an ...
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 24. September 2017
6
Lyrik des Tages

Grüne Stunden

Grün wie das Gras: die Farben meiner Kindheit;
ein Blick übern Deich durch unser Fenster nur:
Und augenblicklich war ich entschlossen, bereit
für einen frühen Streifzug durch die grüne Natur.

Die taufrischen weiten Wiesen hinunter
lief ich Sonntags ans Wasser - ins Uferblaue;
wie grüne Seide funkelte es, das Gras meiner Aue:
Bunt schon am ersten Mai, im Juli noch bunter!

Ich schickte Klage um Klage hinüber zu dir:
Übers Wasser scholl 's mit rauem Möwengeschrei:
Du hörtest mich, schicktest übermütige Kälbchen mir
und dröhnende Schiffssirenen aus aller Welt vorbei.

Grüne Kindheit: vergangenes Glück und Leid;
Vergangenheit auch: jene kurze grüne Jugendzeit,
darin das Schilf schwankte im Wind, mal sanft, mal wild.
Mich wundert, dass meine grüne Seele nicht überquillt!

Das Grün der Wiesen hat sich mir ins Aug' gebrannt,
grün wie Vier-Blätter-Klee, das ich einst dort gefunden,
grün wie das ritzende Schilf in meiner verletzten Hand;
am Ufer, im Sumpfdotter, verrannen mir grün die Stunden.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 27. September 2017
5
Lyrik des Tages

Im Nebel der Wolken

Mir fehlen Minuten auf Erden:
Ich wurde getragen,
von unsichtbaren Händen
eines Stück Wegs enthoben.
Und sanft schwebte ich
zwischen gestern und morgen
im Nebel, im Nebel der Wolken.
An mir vorüber
auf deiner Wolke
kreuztest du meine.
Ich sah dein Gesicht
und du meines.

Mir fehlen Minuten, Stunden vielleicht.
Ich ging meine Straßen weiter:
von Westen nach Osten
von Süden nach Norden,
zählte die Ratten in
modrigen Gräben.
Im Teer, auf den heißen
Chausseen, verließ ich
die leichten Schuhe.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 28. September 2017
6
Lyrik des Tages

Flaschenpost bei Glückstadt

Elbe – Strom unterm Möwenflug
treib ich die Wegspur den Deichhang hinab
und fern schwankt das Ufer: Sumpfdotter …
Gelbäugig blühts im Schlick neben Röhricht und Ried, und ein Stoppelhalm reißt die uralte Wunde auf.

Elbmarsch – mein Kleinod im Frühtau, wenn' s funkelt und perlt an den Gräsern, kühler atmet der Priel, und droben, über Aue und Fluss, schleicht der blasse Jüngling von Deck:
So müd ist mein rastloser Mond!

Unterm Schilfdach der grünen Moschee ruft ein verwunschener Prinz zum Morgengebet, und sein Urahn, der Seefrosch, stimmt ein. Da zuckt, im Traum noch, der rotbunten Leiber
warmes Gewölk auf den Wiesen.

Drunten, am mageren Strand, birst mir im
hölzernen Kahn die Erinnerungsfracht. Das zärteste Gefühl füll ich um in die leere Flasche am Kai und füg sie ins Graugeröll der
Steine. - Zu dir, Undine, trägt sie die Welle der Flut, darin Ewigkeit nächtigt.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 29. September 2017
2
Lyrik des Tages

Dein Advokat

Ein Rechtsanwalt hat sich zu plagen
mit vielen Sorgen und mit Klagen,
mit Akten und Gerichtsparteien,
mit Miet- und Ehestreitereien.

Kommt dir ein anderer mal zu nah',
vertraue der Justizia
und geh' zu deinem Advokaten;
der wird dich sachgemäß beraten.

Hast du durch ihn gar Recht bekommen
und bist vor Dankbarkeit benommen:
Dann komm zurück auf diese Welt;
dafür kriegt er ja schließlich Geld.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 30. September 2017
6
Lyrik des Tages

Maschas Traum

Unterm Dache, warm bei Wind und Wetter,
träumend: Mascha. Ein Kastanienbaum,
vom Sturm gebeugter Vetter, blickt durchs Fenster und in ihren Traum.

Weiß den Namen ihres Traumgestalters,
Mascha kennt nur sein Gesicht.
In Gestalt eines Zitronenfalters
folgt sie ihm ins Dunkel und ins Licht.

Seine Faust erblüht, die Bestie Tod.
Rosskastanie an das Fenster schlug der Wind.
Schaudernd Flügelkleid entkam mit knapper Not. Vetters Blätterarm wiegt sanft das Kind.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 1. Oktober 2017
7
Lyrik des Tages

François Villon träumt vom Ende

Tödlich, am Galgen zu hangen!
Blanche so weit fort und das Ende nah wie nie –,
mit blauen Lefzen und mit fahlen Wangen,
wie ein zum Ausbluten gekeultes Vieh.

Es gibt der Gauner mannigfach auf dieser Welt;
doch ausgerechnet MICH krallten die Wachsoldatenhunde
– was item dem François Perdrier gefällt –
im finstern Tann nahe Patay zur Geisterstunde.

Tödlich, am Galgen zu hangen.
Adieu, mein lieber Freund Jean de Calais!
Ich weiß nicht, soll ich lachen oder bangen,
und item tut der Strick am Hals mir schrecklich weh.

(nach „Seltsam, im Nebel zu wandern“ von Hermann Hesse)
François Villon war ein franz. Dichter im 15. Jhd. (Le grand testament)
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 5. Oktober 2017
1
Lyrik des Tages

Waldspaziergang

Hab acht, denn es könnte sein,
dass unter morschen Zweigen
ein gebrochenes Herz im
erschütterten Moos verwest.

Noch bist du leicht, verspielt,
eine Wolkenfeder über den Wipfeln
der Bäume, ahnst nicht, dass der stille
Nachtwind wahrhaftiger ist als das
Sommergeschwätz der Schwalben -

bis ein Schleier das Himmelsblau trübt
und dein Lieblingsbaum die Vögel in
seinem Laub aus ihren Nestern wirft.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 6. Oktober 2017
5
Lyrik des Tages

Aufgewärmt

Immer trägt mich der Strom von dir fort …
Auf Dampfern und Fähren bin ich längst zuhaus.
Jede Reling appelliert an mein Anlehnungsbedürfnis, doch nie habe ich ins Wasser gespuckt.

Der Menschenstrom auf der Rolltreppe: Auch er trägt mich von dir fort.
Ein Stromschlag, vom Zaun gezwitschert,
erfindet mich neu, überall mangelt es an Liebe …
Das Selbstbewusstsein nimmt überhand
und schwingt sich in ungeahnte Höhen empor;
Zweifel jedweder Couleur werden unter Strafe gestellt, Dummheit hofiert Banknoten …

Ich flüchte vor deinem Ehrgeiz in die Arme
eines armen Poeten; wir besitzen acht Regenschirme und sind gegen jede Art von aufgesetzter Romantik, wir fechten es aus …

Kerzen bringen keine Gefühle zurück,
Aufgewärmtes schmeckt selten besser als am Vortag. Mir genügt zu wissen, wen ich liebe.

In Gedanken will ich immer nur zu dir;
aber ich komme nie wirklich dort an ...
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 11. Oktober 2017
4
Lyrik des Tages

Herbstlicht

Ich bin auf dem Weg
zu mir selbst,
bin auf dem Weg …

Ja, ich hab ihn verloren
meinen Weg, verloren
irgendwann

Meine Wiedergeburt kann beginnen
Der Wind singt schon im Herbstpark

Die Kirschblüte ist vorbei
aber ich darf dich lieben –
sagt Zen

Mit ZEN leben –
eine Liaison bis zum letzten Atemzug

Was ist schon Intellekt, Sohn
ohne Erkenntnis und Bewusstsein …

Nicht allein Spatzen
fallen vom Baum
Wo hat Gott seine Augen

Den Mond will ich mit dir schauen (tsukimi)
in der Herbheit seines Herbstes (wabi)

Auch er – auf der Suche
nach Harmonie, Liebe
und poetischer Wahrheit

Später – der Nachhall
im leeren Raum (yohaku yoin)

Herbstlicht –
Die Kerze flackert
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 28. Oktober 2017
1
Lyrik des Tages

Aug' in Aug'

Immer durchschaue ich mein Lächeln.
Die Trauer schiebt es vor: Sie ist scheu
und will unerkannt bleiben, lässt sich
selten in die Karten schauen.

Ich komme einigermaßen mit ihr zurecht.
Eigentlich ist sie meine engste Vertraute,
eine Narbe, die nicht heilen will,
ein Stein, der mir nimmer vom Herzen fällt.

Groß und dunkel kommt sie daher …
Sie liebt Nächte ohne Mond und lässt sich selten tagsüber blicken. Manchmal begegnen
wir uns - im Spiegel schaut sie mir
ins dunkle Aug' – wie ein bitterer Tropfen Honig.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 4. November 2017
5
Lyrik des Tages

Kind im Norden

Mein Berg: der Deich
die Wiesen: mein Tal
und mit Schwung
den Berg hinuntergerollt
und mich wiedergefunden
- ungewollt -
auch mal im
Kuhfladen
oder im roten
im weißen Klee

und wenns geschneit hat:
im Schnee hinauf hinunter
den Schlitten den Berg
Stunde um Stunde
bis alles klammgefroren
und Dunkelheit
und nichts
ging mehr
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 6. November 2016
5
Lyrik des Tages

Herbst

Herbst

Einsiedler,
der im
Wald seine
Wunden leckt

graue Nebel,
das Gebell
des Sturms weckt

Winzer in den Weinbergen
den Herrn

Schöpfer der
Astern, Chrysanthemen,
des zu Fall
gekommenen Laubs
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 8. November 2016
5
Lyrik des Tages

Rede an den Herbst

Tauben im Nebel
unbegrenzter Redezeit
besprechen den Herbst.
Am gegenüberliegenden Ufer – nichts Neues
Der Schiffsverkehr hat das graue Winterkleid im Schlepptau, Mohn senkt die letzten zitternden Lider – die Keilschrift der Möwen: verblasst; ein Fisch drunten im Strom wärmt sich die Flossen ...

auch meine Hände: bleich wie ein Totenhemd.
Nun springt keiner mehr – niemand mehr ...
verstrickt sich in den Reusen unerwiderter Liebe. Zwischen unseren Atemzügen: Waffenruhe.

Nichts zecht mehr, nichts klirrt vor dem großen Frost.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 27. November 2017
5