Die gesammtelten Werke der „Lyrik des Tages”

Gesammelte Lyrik

Die gesammelte Lyrik der letzten Jahre, alphabetisch nach Nutzernamen sortiert, findest du hier. Du möchstest deine Lyrik auch hier veröffentlichen? Dann schau einfach bei der »Lyrik des Tages« vorbei und fülle das Formular mit deinen lyrischen Inhalten aus. Viel Erfolg!

Lyrik des Tages

Amen

Der Mond stellt sein Silber
ins Dunkel,

der Wind kämmt das Laub
der Linde und zerstäubt
den Duft ihrer Blüten.

Ein Schwan spricht
das Wasser heilig -
ehe es Nacht wird.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 15. Januar 2017
9
Lyrik des Tages

Vergebliche Bitte

Vogelküken: „Wenn ich dir doch schwöre, dass du zum Vogel dieses Jahres gewählt worden bist, um für den Bestand uralter Bäume und kleiner, unschuldiger Küken in Wäldern und Parks zu werben, lässt du mich dann laufen, Gevatter?“

Waldkauz: „Halt den Schnabel, Baby, mein Magen knurrt. Dieser verdammte Hunger und dann noch das Gelaber von diesem Küken – knirsch, schmatz, schluck – weg isses, in Gottes Namen.“
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 21. Januar 2017
5
Lyrik des Tages

Kleiner Schicksalsblues

Ein Bienenmaul hat der Sommer
und Augen aus Zucker und Zimt.
O Sommer, seufzen wir
schon im Frühling und
bauen Nester – selten zufrieden
mit Wetter und Wind.

Allein unsere Träume halten uns
am Leben: Mit Zungen aus Honig
reden sie von Liebe und Glück
unterm besternten Himmel.

Leichter folgen Trauernde
den Särgen ihrer Liebsten
bereits im Frühjahr, und Wellen,
beflügelt von Nereus' Nereiden,
besamen weiße Strände im Süden.

Sehnsucht und Einsamkeit legen unser
Schicksal oft in die falschen Hände.
Holt es euch zurück und hütet es
in der Drosselgrube zwischen
Schlüsselbein und Schlüsselbein.

O Sweetheart, zwitschert die rote
Kehle im Herbst: Schau nur die Nebel!
Sie wallen schauriger heuer
als die Schatten der Lebensmüden.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 8. Mai 2018
4
Lyrik des Tages

Spuren

Salzwiesen Seeampfer blutrot
blühn Erinnerungen schlickwärts
zwischen Deich und Meer
tanzen Dünen. Schlafmohn flüstert
Liebesworte versanden im Gasthof
am Weg ließ er sich damals kommen:
Schollen und Wein.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 22. Januar 2017
9
Lyrik des Tages

ABC für Fortgeschrittene

After-shave-Lotion
akut autark auf Affiche.
Angel-dust-Ära
against Askese-Apell;
apropos apostolisch.

Bal paré balancer
beyond basse-cours bleeping Beat.
Biorhythmus beats
bien bona fide Batzen.
Billy beats big-a-mist.
Bambule bric et de broc.
Bow-wow.
Baba!

Cirrocumulus
complère City con Chausseen.
Cineast-Choral.
Cash and carry copyright;
cut Champignons cantabile.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 24. Januar 2017
1
Lyrik des Tages

Bert und Margarethe

Bert Brecht und Steffin, Margarete
gingen nachts auf eine Fete.
Da warn viele Neider und Rächer,
darunter Johannes R. Becher.
Der hielt eine Rede
und fauchte zum Schluss:
"Ihr könnte mich mal,
du und die Grete."
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 25. Januar 2017
4
Lyrik des Tages

Ausgeliefert

Geträumte Welt - verloren,
gescheitert am Wort
im kühlen Morgengrau.

Meine gedachten Worte:
vorzeitig gestrandet
im Nirgendwo.

Ausgeliefert
der entzweifelten Herde,
den Wölfen
verhilft zum Weitblick
das Sterben
der Wälder.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 26. Januar 2017
8
Lyrik des Tages

Mein lieber Schwan - auf dem Eis

Kleiner Schwan, warst wie festgeklebt auf dem Eise,
Blitzfrost hat dich überrascht und eiskalt erwischt.
Feuerwehr kam, versuchtest zu fliehn und hüpftest leise,
flattern ging nicht mehr, hast verzweifelt gezischt.
Warst schon übern Tümpel geschlittert,
Feuerwehr setzte Schlauchboote ein.
Hast dich gefürchtet und um dein Leben gezittert,
aber dann warf der brave Hein 'ne Rettungsdecke und du warst nimmer allein.
Wurdest mit Tatütata zum Doc gebracht:
Der hat dich schnell wieder gesund gemacht.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 28. Januar 2017
2
Lyrik des Tages

Bitte nicht schießen ...

Maikitz mit den weißen Sommersprossen,
treib es nicht zu arg mit deinen Possen:

Mutter liegt ganz nah versteckt im Hain;
das ist gut, dann bist du nicht allein,

wenn Adler, Fuchs und Bär
und der Lump mit dem Gewehr
dich zur Strecke bringen wollen.

Und lass dich bloß nicht vom
Menschen antatschen:

Mutter gibt dir sonst 'ne
Abfuhrwatschen, weil sie dich
nicht mehr erkennt.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 29. Januar 2017
3
Lyrik des Tages

Dem Eise verwehr und vertrau ...

Colchica, Schöne,
du meine Herbstzeitlose:

Vor den Toren
der unbarmherzige
Winter – doch
dem Eise verwehr,
nicht aber dem
weichen Schnee weiß
und vertrau
dem Geliebten.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 30. Januar 2017
4
Lyrik des Tages

Eilenriede

Der Wald nach dem großen Regen:
ein gesättigter Gott.
Nie zuvor sah ich
hoffnungsvolleres Grün.

Unter den Wipfeln der Bäume
harrt auf die Sonne:
der Wandermönch mit
seiner leichten Fracht.

Funkelt sein Aug' mir entgegen:
Ich bin frei von jeglicher Schuld.
Nie verband ich mich mit deinesgleichen.
Komm mir bloß nicht zu nah!
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 31. Januar 2017
3
Lyrik des Tages

Szenen einer Ehe II

Es sprach zur Amalié der Stifter:
„Bon appétit, ma chère Amalié,
ich bin hungrig wie eh und je.
Reich mir Huhn und Hommer,
die Butter, den Brie. Gefastet
wird erst nach dem Sommer.“
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 1. Februar 2017
3
Lyrik des Tages

In deinem Herzen

Der Himmel schlägt sein Aug' auf:
ein neuer Morgen graut.

Wind streicht durch die
kahlen Bäume, schreibt ein
neues Lied, und die Äste
tragen stolz die Noten -
als seien es junge frische Blätter.

Nichts, das du in deinem Herzen
hütest, wird je in den Wind
geschrieben sein.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 2. Februar 2017
9
Lyrik des Tages

Winterland

Dein erster Schnee fiel über Nacht Ende Dezember,
bedeckte Straßen und Felder, Tage und Stunden,
die alten, die neuen Seelenwunden.
Ein Winzling warst du an meiner Hand,
kaum ein Jahr – alt genug, das Flockenland zu erkunden.

Begeistert tauchtest du die nackten Hände
ins frostige Leben: ach, dein Gesichtchen
sprach Bände, ach, ich sehe dich heut' noch
erbeben und möchte dich einmal noch trösten.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 3. Februar 2017
8
Lyrik des Tages

Stille Post ...

Briefe trag ich meistens
zur Posthornschnecke.
Alle verspäten sich
um Jahrzehnte;
einige frisst sie auf,
andere sind kaum noch
lesbar, weil größtenteils
aufgeweicht.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 4. Februar 2017
6
Lyrik des Tages

Haiku - Wachstum

Sieh - ein neuer Baum
wächst dort, wo der Häher
die Bucheckern vergaß ...
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 5. Februar 2017
6
Lyrik des Tages

Vogelscheuchen

Der Wald ist eine wunderbare grüne Seele, und an den Bäumen hängen die Blätter hoffnungsfroh wie schöne Gedanken.

Und unser Himmel erst!, dieser riesengroße Schlaf, darin die Vögel Träume sind mit dunklen Schatten, die vorüberfliehn, noch ehe
wir erwachen.

Denk ich an Afrika, dann seh' ich einen weitverzweigten Mammutbaum, darin auf bunten Ästen großäugige, dunkle Kinder harren, die sehr hungrig sind und trotzdem manchmal lachen.

Blaue Briefe sind Ozeane, ihre Marken leuchtende Fische.

Und unsere großen Städte: kultivierte Felder – die Menschen darin: allerliebste Vogelscheuchen!

Jeder Morgen ist ein großes Wunder: Begrüß ihn anständig und mit Andacht!

Eine grüne Wiese ist wie ein Gebet; die Blumen darin sind das Amen.

Der Tod ist allzu oft ein Räuber – wir Vogelscheuchen seine Opfer.


Der Tod ist allzu oft ein Räuber – wir Vogelscheuchen seine Opfer.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 28. Juni 2018
1
Lyrik des Tages

Blind ...

Im rauen Atem der Nacht
liegt das Dunkel, das uns
beschattet – geliebt von
den Sternen: Es lässt sie
strahlen und funkeln ...
Vom Tod gepriesen; so bleibt
uns sein Angesicht fremd.
Dein Schatten, sobald
er erwacht ist, geht
durchs Zimmer und
füllt die Krüge mit Licht.
Mit Licht füllt die Sonne
den Tag – auch ihr Reich
wird einmal vergehen.
Der ohne Sonne leben muss,
hat stets die Nacht vor Augen.
Und doch ist es möglich,
dass er mehr sieht als wir.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 3. Juli 2018
11
Lyrik des Tages

O Jugendstil, o Kuss ...

O lyrischer Kuss, zart konvex …
behütet im Schädelkomplex.
Züchtig gehaucht, nicht konkav,
puristisch wie selten: Gustav ...

Klimt: ornamentalisch, abstrakt …
mal mit und mal ganz ohne Akt.
Was, zum Teufel, soll heißen: goȗt juif*?
Herr Kraus: DAS war Kunst – mit Pfiff.

„Adele im Gold“, o edel bestückt,
hat selbst Nazibanausen entzückt.
Konfiziert, arisiert … dann verbrannt:
Fakultätsbilder, drei, von der Uni verkannt.

Wo Unfreiheit herrscht, gibt 's auch keine Kunst.
Waldeslust und anderer Kitsch stehn dort hoch in der Gunst.
O Klimt, womanizer, hast dich nicht gebeugt
dem Massengeschmack – wie dein Werk uns bezeugt.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 6. Juli 2018
1
Lyrik des Tages

Stiller Abschied

O Mohn
dein stilles sanftes Glühn
in einer Welt, darin
das Laub schon fällt,
die Vögel südwärts ziehn,
versöhnt den kahlen alten Baum
in deiner Näh'
und weckt in uns den Wunsch,
falls wir den Winter überstehn,
nach einem neuerlichen
warmen Sommerwehn.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 8. Februar 2017
7
Lyrik des Tages

O Sommersee, o Glanz ...

Grüne Tage, die kaum Schmerzen bereiten.
Was in krautiger Tiefe geschlummert,
ist ergründbar geworden,

und ich erinnere mich: Du warst ...
ein treibendes Blatt, vom Herbst
in den See gestürzt: die kalte Welt,
darin Blaubart spricht: Es besteht
kein Anspruch für dich, für niemand,
für keinen.

Glanz auf dem Wasser, Glanz …
wie von vierhundert Silberstücken,
die Abraham für die Höhle bei Hebron
blechte, Glanz, der trösten will ...
Da liegst du nun, Sara, neben Abraham
im Felde: Grab, darin Lemminge wühlen.

Auch mich führte einst ein Traum durchs
Gebirg, auch ich … stürzte vom Gipfel
in den See: O primavera, o estate, o lago.
Finito: il tempo della sofferenza*.

Hohles, mit Wasser gefüllt, teilt mit uns
die Sehnsucht zum Meer, kaspisch,
tanganjikasisch, aralisch, darauf Öl
schwimmt, das schwerer wiegt als Wasser
und untergeht wie Glück in der Schwermut.

Altväterlich gründelt der greise Fisch.
Stumm und weise flieht er das Netz.
So entging auch ich dir: zweifelnd und
schwankend, zwischen Geben und Nehmen.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 17. Juli 2018
1
Lyrik des Tages

Tanka: Nur Kartoffelkraut

Rauch
liegt überm Dorf
Nein, kein Flüchtlingslager brennt
diesmal war es nur
das Kartoffelkraut
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 9. Februar 2017
3
Lyrik des Tages

Exodus ...

O starres Sonnenrad …
Die Glut deines heißblütigen Augs
staut sich zwischen den Speichen und
senkt sich über Städte und Wälder.

O Bäume, stolze Recken, die ihr wandelt
im Tal des Todes: Der heiße Kuss der Sonne
bedeutet Abschied für immer.

Ans Licht kommt, was ewig im Dunkel
geblieben wäre, um zu verglühen, ohne
jemals geliebt worden zu sein.

… um zu verglühen – wie Liebe
in Zeiten der Cholera, wie mein Herz auf
dem Weißblech der alten Mole am Hafen.

O Flammensäule, o brennender Dornbusch:
Nach deiner Pfeife tanzt der Gewebstod,
die Flügel der Engel brechen und stürzen hinab.
O Mose, führe dein Volk nach Ägypten.

Aus Halm und Gras steigt nun die
Feuersbrunst des Sommers, bahnt sich
Vernichtung durch die Glutdschungel des Todes:
Grau schwelt sie im Rauch als zweitletztes Wort.

Das letzte Wort nimmt sich heraus mein
vielfarbenes Aug: EXODUS … (Es schwang sich
zu mir herüber aus dem Gebet einer Amsel
im brennenden Dornbusch.)
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 27. Juli 2018
1
Lyrik des Tages

Unvollständige Bergung

Du brachtest ans Ufer
mein Haar, meine Augen,
voller Wasser: meinen Mund.

Im See zurück
blieb ein Herz:
voller Liebe zu dir.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 10. Februar 2017
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Lyrik des Tages

Wahnsinn

Irre -
dein Gedicht,
mein Freund:
weckt Zorn,
Wahn,
das Gift
dunkler Melancholie.
O wart,
gleich kreiselt
mein Herz
zu Boden.
von Annelie Kelch, veröffentlicht am 12. Februar 2017
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